Hochsensibilität – Warum versteht mich denn keiner?

Hochsensibilität – Warum versteht mich denn keiner?

Ich bin von einer Gruppe Menschen umgeben, von Freunden, die mich kennen, die wissen, wer und wie ich bin. Trotzdem fühle ich mich, als würde mich keiner von ihnen so richtig verstehen. Hallo, Hochsensibilität.

Wenn ich davon erzähle, wie es in mir aussieht, habe ich oft das Gefühl, ich würde versuchen, jemandem eine schwierige mathematische Gleichung zu erklären, der mit Mathematik absolut nichts am Hut hat. Als Antwort erhalte ich ein Nicken und ein mitfühlendes „Oh man. Aber so musst du dich doch gar nicht fühlen.“ – Ja, das weiß ich. Ich tu’s aber trotzdem.

Die Frage „Warum versteht mich denn keiner?“ stelle ich mir teilweise mehrmals am Tag, mindestens aber mehrere Male pro Woche. Für Außenstehende mag das vielleicht ziemlich egoistisch und undankbar wirken. „Du schätzt die Menschen, die für sich da sind und da sein wollen eben nicht genug.“, werden sich sicherlich einige denken. Aber so ist das nicht. Als ich endlich herausgefunden habe, dass es für das, was ich so oft fühle eine Bezeichnung gibt, hat sich das sehr befreiend angefühlt.

„Hochsensibilität“

Ja, die gibt es. Aber was ist das genau? Es gibt viele verschiedene Arten, auf die sich Hochsensibilität äußern kann. Manche Menschen nehmen dadurch Geräusche, Gerüche oder andere äußere Einflüsse weitaus deutlicher wahr, als andere. Andere verfügen über einen besonders ausgeprägten Tastsinn. Und Einige, so wie ich, nehmen unterbewusst viel mehr wahr, als die anderen. Ich bin eine extrem empathische und extrem sensible Person. Manchmal, oder ehrlich gesagt sehr oft kann mir das zum Verhängnis werden. Während jemand ohne richtig nachzudenken irgendwas sagt und es fünf Minuten später wieder vergisst, hängt es mir teilweise noch Tage hinterher.

Während Personen um mich herum den Moment genießen und sich fallen lassen, befindet sich mein Gehirn in einer Art „Dauerbetrieb“. Ich denke darüber nach, was alle anderen wohl gerade denken, wie etwas ankommt, wenn ich es sagen würde, wie ich generell ankomme. Ständig analysiere ich das Verhalten der anderen und versuche, alles in einen tieferen Kontext zu bringen. Das Problem dabei, beziehungsweise das, was mich dabei am meisten überfordert, ist, dass ich alles, oder fast alles, immer persönlich nehme. Ich beziehe Dinge auf mich, obwohl ich es gar nicht muss. Wenn jemand zum Beispiel über eine meiner Aussagen sagen würde, sie wäre „unnötig“, versteht mein Kopf das als: Du bist unnötig, dich braucht keiner, du sagst nur das Falsche.  Während die andere Person ein wenig später schon hat Gras über die Sache wachsen lassen, mache ich mich auch Tage später noch selbst fertig.

Dieser Post soll auf keinen Fall wirken, als würde ich Mitleid erzwingen wollen. Das ist nicht meine Intention. Vielmehr liegt es mir sehr am Herzen, so gut es eben geht zu beschreiben, wie sich Hochsensibilität anfühlt. Zumindest für mich. Vielleicht können dadurch Personen, die sich nicht so fühlen, manche Dinge besser verstehen.

Ich habe schon öfter gehört, dass ich egoistisch sei und nur an mich selbst denken würde. Wer mich aber wirklich kennt, weiß: Ich denke eigentlich nie so richtig an mich. Ich stelle das Wohl anderer über mein Eigenes und bin öfter damit beschäftigt, darüber nachzudenken, was die anderen denken, als mich darauf zu konzentrieren, was ich selbst fühle. Trotzdem kann ich nachvollziehen, dass es so ankommt. Da ich alles persönlich nehme, kann es schnell wirken, als würde mein Fokus nur auf mir selbst liegen. Das mache ich aber nicht mit Absicht. Es macht mir natürlich keinen Spaß, zu diskutieren oder darüber zu streiten, wie jemand etwas eigentlich gemeint hat und wie es aber bei mir ankommt. Hinter allem, was ich mache oder sage steckt unterschwellig eigentlich immer nur der Wunsch, es allen anderen recht zu machen. Ich will die Menschen um mich zu 100% verstehen.

Das ist nämlich auch die gute Seite an dem Ganzen, wie ich finde: Ich verstehe andere. Kann mich eigentlich in jede Person gut hineinversetzen und höre immer zu, wenn jemand etwas zu sagen hat. Auch, wenn ich diese Eigenschaft an mir mag, gibt es auch hier oft Missverständnisse.

Nehmen wir an, Person A kommt zu mir und erzählt von einem Streit mit Person B. Person A erklärt mir ihre Sichtweise, ich fühle mich in sie hinein und sage: „Ja, das verstehe ich. Sehe ich auch so!“. Dann kommt irgendwann Person B zu mir, erzählt von Ihrer Sichtweise und ich sage wieder: „Ja, das verstehe ich. Sehe ich auch so!“. 

Im Endeffekt kommt das für die Beteiligten und für Außenstehende dann unverständlich rüber und so, als hätte ich keine eigene Meinung. Das stimmt nicht. „Du passt dich den Menschen an, mit denen du Zeit verbringst“, habe ich inzwischen oft als Vorwurf gehört. „Keiner weiß, wer du eigentlich bist, weil du einfach allem zustimmst oder meinst, du verstehst alles.“ Auch diese Denkweise kann ich nachvollziehen. Ich mache das allerdings nicht, um jedem Menschen zu gefallen. Denn das geht nicht, das weiß ich. Sowas mache ich automatisch, beziehungsweise unterbewusst. Es ist in mir verankert, dass ich mich so in jemanden hineinversetze, dass mich die Denkweise der Person so überzeugt, als wäre es meine eigene. Ich habe das erkannt und arbeite daran, in solchen Situationen mehr innerliche Distanz aufzubauen und mich an meinen eigenen Standpunkt zu halten.

Eine Sache gibt es noch, die ich persönlich zum Thema Hochsensibilität noch gerne ansprechen möchte: Da ich, wie ich schon erwähnt habe, im „Analysiermodus“ bin, sobald ich von Freunden oder anderen Menschen umgeben bin, ist es für mich manchmal sehr anstrengend, etwas zu unternehmen. Wenn ich zum Beispiel zwei Tage hintereinander nur mit Menschen unterwegs war, brauche ich danach mindestens einen Tag lang Pause. Manchmal fühle ich mich auch einfach nicht in der Lage dazu, mich zu treffen, da mir die pausenlosen inneren Gedankenschleifen sehr viel Energie rauben. In solchen Momenten sage ich Treffen ab. Das hat dann nichts damit zu tun, dass ich keine Lust habe oder die Person nicht sehen will. Es geht nur manchmal eben nicht.

Ich bin teilweise ziemlich verzweifelt gewesen und habe nur noch gedacht: „Wieso versteht mich denn keiner? Ich möchte einfach nur gesehen und so verstanden werden, wie ich andere verstehe.“ Oft hatte ich das Gefühl, als „die Böse“ dargestellt zu werden, obwohl alles, was ich wollte nur das Beste für mein Umfeld war.

Hochsensibilität – es ist für mich wie Fluch und Segen gleichzeitig. Auch, wenn vieles oft anstrengend ist, finde ich es schön, in der Lage zu sein, mehr wahrzunehmen und auf einer tieferen Ebene mit Menschen verbunden zu sein, als andere. In meinem Leben habe ich zum Glück eine Person gefunden, der es auch oft so geht. Da muss ich nichts erklären – sie weiß, wie es mir geht.

Ich hoffe, dieser Post bringt ein bisschen Licht ins Dunkel und kann ein wenig aufklären. Wenn es dir so geht wie mir, dann sollst du wissen: Du bist nicht allein. Und an alle anderen: Vielleicht versteht ihr manche Menschen in eurem Umfeld ja jetzt ein bisschen besser.

Danke, dass du dir Zeit genommen hast, bis zum Ende zu lesen. 🙂

 

Hier findest du übrigens das Video, dass mich damals auf die Hochsensibilität gebracht hat: https://www.youtube.com/watch?v=nm8lEEA0xG0

 

 

 

Verloren und wiedergefunden

Verloren und wiedergefunden

Es ist eine dieser Nächte. Eigentlich falle ich vor Müdigkeit fast um und doch liege ich stundenlang wach. Die Dunkelheit umhüllt mich, während ich mich schleppend von einer Seite auf die Andere wälze. Ich vermisse dich. Mal wieder. 

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