Du denkst du hast Zeit?

Du denkst du hast Zeit?

Laut Tracking-App habe ich heute bereits 3 Stunden und 42 Minuten an meinem Handy verbracht. Vor einer Woche bin ich für mein Auslandssemester nach Madrid gezogen – meine Freunde und meine Familie sind alle in München. Klar, ich möchte mit Ihnen in Verbindung stehen, möchte wissen, was abgeht, auch, wenn ich gerade nicht persönlich da bin. Instagram, Facebook und Snapchat dürfen natürlich auch nicht fehlen – woher soll ich sonst wissen, wo die hippen Spots von Madrid sind?

Beim täglichen “Durch-die-YouTube-Timeline-scrollen” habe ich letztens ein Video gefunden, das mich extrem zum Nachdenken gebracht und um ehrlich zu sein auch ziemlich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hat. Als die letzten Sekunden verstrichen waren, konnte ich auch nichts machen, als dazusitzen und vieles zu überdenken.

Die Durchschnittsperson lebt 78 Jahre. 28, 3 Jahre davon schlafen und 10, 5 Jahre arbeiten wir. 9 Jahre unserer Lebenszeit verbringen wir damit, uns durch die endlosen Beiträge etlicher Social Media Plattformen zu scrollen. Es kommen 6 Jahre Hausarbeit dazu und 4 Jahre, in denen wir essen und trinken. Es gibt noch viele, viele weitere Zahlen – im Endeffekt bleiben uns nicht mehr, als 9 Jahre.

9 Jahre, die wir so nutzen können, wie wir möchten. Raus in die Natur gehen, wilde Partys feiern, streiten, darüber nachdenken, was alle anderen von uns denken. Wir denken, wir haben ein ganzes Leben, dabei haben wir eigentlich nicht einmal ein halbes. Diese Zahlen, dieses Video, was ich da gesehen habe, hat mich so erschrocken, dass ich jetzt ganz anders mit meiner Zeit umgehe. So viel ist mir klar geworden: Warum interessiert es mich, was irgendeine Person über mich, meinen Körper oder das, was ich tue denkt? Warum lasse ich zu, dass unzählige Minuten verloren gehen, während ich krampfhaft versuche meinem Gegenüber klarzumachen, dass er oder sie unrecht und ich recht habe? Wie kann es sein, dass ein kleines elektronisches Gerät täglich mehr Aufmerksamkeit von mir bekommt, als jede Person, die mir am Herzen liegt? Ich frage mich, wie viele von diesen 9 völlig freien Jahren ich jetzt, mit 19, schon verschwendet habe. Eigentlich möchte ich darüber nicht nachdenken – mir wird ganz schlecht davon. Das Wichtigste: Jetzt bin ich wach. Aufmerksam.

Diese Aufmerksamkeit möchte ich nicht mehr auf nutzlose Dinge, negative Personen oder leere Diskussionen richten. Ich möchte fühlen, mit jeder kleinen Faser meines Körpers, möchte alles aufsaugen was um mich herum passiert. Ich möchte leben, richtig leben und nicht nur im Alltag vor mich hin existieren. Meine Zeit ist nur gut genug für Liebe, für Inspiration, für Lebenserfahrungen und lange, ehrliche Unterhaltungen mit Menschen, die mich verstehen und die ich verstehe. Warum sage ich nicht einfach gerade raus was ich denke? Warum halte ich Gefühle zurück? Ich habe keine Zeit für sowas. Dieser Satz hat plötzlich eine ganz andere Bedeutung.

9 Jahre. Wie viele bleiben dir?

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