Schubladenspielchen

Schubladenspielchen

 

Wecker, Arbeit, Pause, Weiter.

Immer weiter, immer weiter.

Bleibst du stehen, fällst du runter

ganz weit die Karriereleiter.

Nicken, Lächeln, Akzeptieren.

Nicht widersprechen, nicht boykottieren.

Da gibt es auch Nichts zu kapieren,

das System muss funktionieren.

 

Diese Zeilen sind mir gerade einfach so in den Sinn gekommen. In letzter Zeit habe ich eigentlich keine richtige Inspiration zum Schreiben – deshalb war es hier auch über einen so langen Zeitraum so still. Es gibt aber ein Thema, welches mir immer wieder irgendwie im Nacken sitzt. Vor allem in den letzten Tagen habe ich oft darüber nachgedacht und mir sind einige Fragen eingefallen, die ich mir in dem Zusammenhang stelle:

Wer sagt eigentlich, dass sich Frauen die Beine rasieren müssen und Männer nicht? Oder überhaupt irgendwer?

Warum legen Menschen so viel Wert darauf, wie sie aussehen?

Wer hat sich ausgedacht, Andere nach ihrem Aussehen, ihrer Herkunft oder sonstigen “Merkmalen” zu beurteilen? 

Seit wann kann man nur erfolgreich sein, wenn man den “sicheren” Weg geht?

Wie kann es sein, dass Zahlen (Likes, Follower, Einladungen, Gewicht, Größe, Kontostand, …) unser Leben so dominieren?

Wann war das letzte Mal, dass ich eine Person zum ersten Mal angesehen habe und sie nicht unterbewusst irgendwo eingeordnet habe? “reich”, “hübsch”, “dick”, “dünn”, “intelligent”, “Nerd”, “Witzig”, “Seltsam”, “Ausländer”, …

Wann war das letzte Mal, dass mich eine Person zum ersten Mal angesehen hat und mich nicht unterbewusst irgendwo eingeordnet hat? “blass”, “arrogant”, “gelangweilt”, “Blond eben”, “Polin”, …

Warum spielen wir eigentlich dieses Schubladenspielchen?

Ich stelle mir oft eine Welt vor, in der wir völlig wertungsfrei miteinander umgehen. Ist das überhaupt möglich? Ist es möglich, unser Denken so zu programmieren, dass es völlig egal ist, wo wir herkommen, was wir machen, tragen oder welcher Meinung wir sind? Völlig nebensächlich, wer gerade wo mit wem ist und welche Fotos dabei macht? Ist eine Welt, in der wir einfach alle in einem freundlichen, aufgeschlossenen und interessierten Miteinander leben überhaupt denkbar? Eine, in der wir uns noch wirklich (und ich meine wirklich) kennenlernen wollen, nicht nur, um sich gegenseitig zu followen und allen zu zeigen: hey, wir sind toll und wir haben ja so viel Spaß?

Mir ist klar, dass es schwierig ist, die Fragen zu stellen, die ich gestellt habe. Mir ist auch klar, dass ich absolut nicht die Erste (und nicht die Letzte) bin, die sich zu diesem Thema so äußert und, dass meine Fragen womöglich etwas veraltet wirken und sehr oft durchgekaut wurden. Für mich sind sie jedoch – traurig, aber wahr – immer noch höchst aktuell. Auch, wenn es – vor allem in der letzten Zeit – viele Unruhen und Versuche gibt, die allgemein verbreiteten Denkmuster zu durchbrechen: tut sich im Endeffekt wirklich was, oder wird da nur groß geredet?

Processed with VSCO with m5 preset

 

Ich bin der Meinung, dass sich nur etwas ändern kann, wenn sich endlich einmal jeder an seine eigene Nase fasst und irgendetwas an seinem Verhalten ändert. Auch das mag jetzt wieder total altbacken klingen. Aber, ganz ehrlich:

Wie oft ertappst du dich dabei, Vermutungen über einen Menschen anzustellen, den du gar nicht oder nur flüchtig kennst?

Wie oft redest du schlecht über jemanden, nur weil dich vielleicht heute etwas genervt hat?

Wie oft steigt insgeheim dieses sehnsüchtige Gefühl in dir auf, wenn du das Leben anderer Menschen auf einem hell leuchtenden Bildschirm verfolgst? 

Wie oft schaffst du es, einer Person gegenüberzutreten und einfach mal offen zu sein?

Ich persönlich möchte versuchen, meine Schubladen zu schließen. Dieses Spiel gefällt mir nicht, es ist Zeit für ein Neues – freundliche Offenheit zum Beispiel.

 

 

 

2 Kommentare

  1. 27. April 2018 / 11:00 am

    Liebe Anna,

    Deine Fragen sind nicht veraltet, und wenn wer meint, sie seien schon tausende Male durchgekaut worden, dann mag das sein. Aber unser Leben, unser sich in bestimmte Richtungen entwickelndes Leben und vor allem die Entwicklungen der Menschen darin, erfordern es geradezu, solche Fragen immer wieder zu stellen und Antworten darauf zu suchen.

    Der Mensch mag ja lernfähig sein, aber ebenso ist er vergesslich. Wie oft schon war zu erleben, dass selbst Schaden nicht klug gemacht hat.

    Deine Fragen betreffen vor allem die Grundlage und die Art und Weise zwischenmenschlichen Umgangs. Es sind kritische Fragen, sie HINTERfragen. Es sind gute und wichtige Fragen.

    Wenn ich jetzt schreibe, dass es Fragen sind, die auch ich, etliche Jahre älter als Du, mir nach wie vor, wiederholt und immer wieder stelle, so soll Dich das nicht entmutigen, liebe Anna. – Ich habe auch oft gedacht wie Du: Ja, schon huntertmal gestellt und nie abschließend beantwortet, das sind ja riochtige “Hamsterradfragen”. Ein bisschen stimmt das schon. Was aber viel wichtiger ist: Sich diesen Fragen immer wieder zu stellen, bewahrt davor gleichggültig zu werden, nur noch mit zu schwimmen, Menschen einfach links liegen zu lassen, Hilferufe zu überhören, ja. auch Freundschaften zu verpassen.

    In wirklicher Zwischenmenschlichkeit liegt so ein unglaubliches Potenzial. Ich habe gefunden, dass ich bei der Suiche danach, IMMER für mich Wertvolles gefunden habe, bei allem, was mir da auch an Enttäuschendem, Frustrierendem, Erschreckendem, begegnet ist. – Aber dieses Wertvolle zu entdecken, das ist so großartig, das macht so viel und für mich eigentlichen Lebenssinn aus.

    Du scheinst mir auf dem Wege zu sein, genau das gerade zuz erkennen.

    Genau hinter den schwierigen, den zähen Fragen, bei denen (leider) viele Menschen heute einfach abwinken, verbirgt sich dieser Sinn.

    Mich macht es sehr froh, dass Du diese Fragen immer wieder inb den Blick nehmen magst.

    Viele ganz liebe Grüße an Dich!

    • Anna
      Autor
      27. April 2018 / 2:09 pm

      Vielen Dank für diesen lieben Kommentar 🙂

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