„Seelenstark.“ 5/365

„Strong is the new sexy.“

Dieser Spruch wird vielen von uns bekannt vorkommen. Seit Längerem kursiert er auf allen möglichen Plattformen. „Stark sein“ – das bedeutet in diesem Kontext auch, stark auszusehen. Die Muskeln sollen deutlich erkennbar sein, damit auch jeder weiß, wie viel Kraft der eigene Körper durch regelmäßiges Training hat. Und wie so oft, geht es vielen dabei nicht nur darum, sich selbst stolz zu machen, sondern auch darum, von anderen bewundert zu werden.

Ich bin stark. Das kann ich ohne Zweifel sagen. Wenn sich jemand jetzt aber vorstellt, dass ich auch eine dieser absolut trainierten Personen bin, denen man ansieht, dass sie die Hälfte ihrer Lebenszeit im Fitnessstudio verbringen – sorry, da muss ich euch enttäuschen. Ich habe eine ganz normale Figur: schlank, mit ein wenig Fettpölsterchen hier und da.

Mir geht es heute nämlich nicht um physische Stärke. Was ich deutlich interessanter und bewundernswerter finde, ist die Stärke, die von Innen kommt. Man kann sie nicht sehen. Wenn man aber auf einen Menschen trifft, der schon viel aushalten musste, dann merkt man es ihm an. Irgendwie erscheinen solche Personen ganz anders, als andere. Meist empfinde ich sie als ruhiger.

Ich selbst habe mit meinen 19 Jahren schon viel erlebt. Zwei Operationen am Bauch, Diagnose Zöliakie, Migräne, fast täglich Schmerzen und Energielosigkeit. Das sage ich nicht, um Mitleid zu erzwingen oder um irgendetwas zu beweisen. Ich sage das, weil all diese Erlebnisse und jeder weitere Tag mit Schmerzen mich stärker machen – von Innen heraus. Wenn sich jemand in meiner Gegenwart an einem Papier schneidet und eine unglaubliche Szene daraus macht, „weil es ja so weh tut!“, kann ich innerlich nur laut loslachen. In der Nacht nach meiner Laparotomie  2012 (da war ich 13), hatte ich die schlimmsten Schmerzen, die ich je in meinem Leben gefühlt habe.

Ich hatte einen Katheter im Rücken, der mit einer Schmerzpumpe verbunden war. Wenn ich also gemerkt habe, dass es anfängt weh zu tun, konnte ich selbst die Pumpe betätigen, damit Schmerzmittel durch den Katheter in meinen Körper gelangt. Abends war noch alles in Ordnung – die Narkose von der OP selbst hat noch gewirkt. Später hat diese allerdings nachgelassen und ich habe gemerkt, wie es anfängt im Bauch zu ziehen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Schmerzen noch auszuhalten, aber sie haben sich immer mehr aufgebaut, sodass ich es irgendwann wirklich nicht mehr ausgehalten habe. Immer und immer wieder habe ich auf die Schmerzpumpe gedrückt, aber das hat absolut nichts gebracht. Ich lag auf meiner rechten Seite – was natürlich nach ein paar Stunden nicht mehr bequem war – ich wollte mich anders hinlegen. Vielleicht kennen manche von euch diese Griffe, die an jedem Krankenhausbett befestigt sind (diese dreieckigen). An dem wollte ich mich festhalten, hochziehen, um dann auf dem Rücken zu liegen. Da hatte ich die Rechnung aber ohne meine frisch zusammengenähten Bauchmuskeln gemacht – sobald ich mich auch nur einen Millimeter bewegt habe, musste ich mich fast übergeben, solche immensen Schmerzen hatte ich.

Irgendwie habe ich es dann doch geschafft, mich hochzuziehen und auf den Rücken zu legen. Geschlafen habe ich in dieser Nacht nicht. Als meine Mutter am nächsten Morgen in mein Zimmer gekommen ist, bin ich in tränen ausgebrochen, war nass geschwitzt und sah vermutlich aus wie der Tod selbst. Was die Visite der Ärzte später ergeben hat, war die Erklärung dafür, dass mein „Schmerzpumpensystem“ nicht gewirkt hat: der Katheter war irgendwie aus meinem Rücken rausgerutscht, was bedeutet, dass das Schmerzmittel nie in mein System gelangt ist, sondern bei jedem Betätigen der Pumpe komplett daneben ins Bett gelaufen ist.

Diese Nacht habe ich nach einer riesigen OP, bei der mein halber Bauch aufgeschnitten wurde (vom Nabel bis zum Unterlaib), ausgehalten. Ganz alleine. Auch, wenn mein Körper sich danach angefühlt hat, wie ein Wrack – meine Seele war stärker, denn je. Ich wusste, dass ich, selbst, wenn ich an meine Grenzen stoße, viel aushalten kann. Das hat mich für immer geprägt und daran erinnert mich meine Narbe, ohne die ich mir meinen Bauch nicht mehr vorstellen kann.

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Ich bin stark – vielleicht nicht gerade körperlich, aber umso mehr seelisch. Da kann passieren, was will. Ich weiß, dass ich es schaffen kann. Genau deshalb habe ich auch solch eine Bewunderung für Menschen, die Ähnliches, oder vielleicht auch deutlich Schlimmeres erlebt haben. Wenn ihr also das nächste Mal „Strong is the new sexy“ lest – denkt daran, was ihr schon alles gemeistert habt. Auch ohne Sixpack.

Und um meine Tradition fortzuführen:

WOFÜR ICH HEUTE DANKBAR BIN: 

Dafür, dass meine Mutter mir erzählt hat, wie wichtig es ist, sich über kleine Dinge zu freuen.

Dafür, dass ich trotz Schmerzen relativ produktiv sein konnte.

2 Kommentare zu „„Seelenstark.“ 5/365

  1. Heute möchte, heute MUSS ich Dir wieder einmal ein paar Worte da lassen, liebe Anna. Weil mich Dein Text sehr beeindruckt hat, sein Inhalt zum einen, aber auch WIE Du ihn geschrieben hast. So sachlich, obwohl DU es warst, die das durchgestanden hat, was mit so ungeheuer großen schwierigen Empfindungen verbunden war.

    Du kannst mit Recht sagen dass Du stark bist. Und Du hast meinen ganz großen Respekt für Deine Seelenstärke. Das ist etwas ganz Wichtiges und Schönes. Sexy hin und sexy her. Die wirklich wichtigen und schönen Dinge haben mit Sex als solchem so wenig zu tun, dass es mich immer ziemlich nervt, wenn die oder jenes dann mal wieder „sexy“ ist. Das ist eine völlig überflüssige „Mode“ finde ich. (Aber das ist meine ganz persönliche, vielleicht etwas verschrobene Meinung.)

    Ich wünschte, dass ich mehr Seelenstärke hätte (was ja nicht Gefühlskälte üder Empathielosigkeit heißt) – ich sage es ganz ehrlich: Ich habe mich schon manches Mal für meine Schwäche in dieser Richtung geschämt.

    Danke für Deinen Eintrag – es hat mich sehr berührt, Deine beiden heutigen Danbarkeitssätze zu lesen.

    Herzlich liebe Grüße an Dich- genieß‘ Dein Wochenende!

    Gefällt 1 Person

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