Für dich. #GRGÜ

Seit mehreren Tagen habe ich dieses komische Gefühl. Es ist schwierig, es richtig zu beschreiben und auch ziemlich beängstigend, sich darauf einzulassen, es zu spüren und darüber nachzudenken.

Ich kann mich noch erinnern, als wäre es gestern gewesen. Du hast mich mit deinen leuchtenden Augen angesehen und gefragt: „Na Anna, was macht die Mathematik?“ – „Ach, Freunde werden wir in diesem Leben wohl nicht mehr werden.“, habe ich dann immer gesagt. Du hast nur gelacht, mich angesehen und wie so oft einen deiner zynischen Sprüche rausgelassen.

Weißt du, wie fremd es sich anfühlt, dass du mich das nicht mehr fragst?

Ich weiß noch, wie du immer zum Essen gekommen bist. Mit deinem Jutebeutel Im Schlepptau bist du ins Wohnzimmer gekommen. Ich bin auf dich zugekommen, um dich zu begrüßen – es war immer das gleiche Spiel. Du reichst mir deine rechte Hand, bereit meine zu drücken aber ich breite nur die Arme aus und gebe dir eine herzliche Umarmung. Vermutlich hast du dich daran nie richtig gewöhnt.

Weißt du, wie seltsam es für mich ist, dir diese Umarmung nicht mehr geben zu können?

Kurz nachdem du reingekommen bist, wir uns begrüßt und kurz unterhalten haben, ist dir immer eingefallen, dass du mir was mitgebracht hast. Jedes Mal waren es die klassischen Haribo Goldbären, die größte Packung. Dass ich schon 18 Jahre alt bin, hat dich dabei nie gestört. Haribo mussten es immer sein.

Weißt du, wie gerne ich sie jetzt von dir bekommen würde?

Eigentlich hast du ja ganz und gar nicht zur „digitalisierten“ Generation gehört , trotzdem warst du immer auf einem erstaunlich aktuellem Stand. Whatsapp, Google und Co. waren für dich überhaupt kein Problem. Spätestens, nachdem wir den Tisch nach dem Essen abgeräumt haben, hast du dein „neues Teil“ – dein Handy – rausgeholt und mir deine Fotos gezeigt. Meistens ging das dann so für mindestens eine Stunde. Oft habe ich mich mit meinen Eltern ein klein wenig darüber lustig gemacht – aber im guten Sinne, weil es so süß war, wie du da mit deinem Handy in der Hand saßt, dich an den Bildern erfreut und alles andere ausgeblendet hast.

Weißt du, wie sehr ich das jetzt vermisse?

Als wir dann noch weiter am Tisch zusammen saßen, hast du immer gesagt „Spiel uns doch was auf deiner Musikbox vor, Anna.“ Ich musste also immer aus meinem Zimmer die kleine Box holen, die ich einmal zum Geburtstag bekommen habe und Musik für dich und meine Eltern laufen lassen. „Jetzt bitte What A Wonderful World von Armstrong.“ – das war dein absolutes Lieblingslied. Voller Glück hast du mitgesungen, in deinem gebrochenen Englisch und wir wurden alle davon mitgerissen und haben uns gefreut.

Weißt du, wie schwer es ist, dieses Lied nun ohne dich hören zu müssen?

Noch vor zwei Wochen war ich bei dir. Die vertraute, von deiner Frau süß eingerichtete Wohnung hat tausende Kindheitserinnerungen wieder aufleben lassen. Als ich noch zur Grundschule gegangen bin, bin ich immer zu euch gekommen, um Milchreis mit Zimt und Zucker zu essen. Deine Frau hat immer den besten von allen gemacht. Als ich vor zwei Wochen also bei dir war und in dein helles, heimeliges Wohnzimmer gekommen bin, habe ich mich umgesehen und das intensive Gefühl von Nostalgie einfach mal wirken lassen. Dann habe ich etwas entdeckt, was mich (als ziemlich nah am Wasser gebaute Person) fast zu Tränen gerührt hat – da, auf deinem Regal stand ein kleines Bild. Ein Bild von mir, als ich noch ein kleines Mädchen war, mit einem Schoko Riegel in der Hand, auf deinem Sofa sitzend. Ich musste einfach ein Bild davon machen, einfach so, für mich.

Weißt du, wie herzzerreißend es ist, nie wieder in dieses Zimmer gehen zu können?

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Mein Papa und ich sind vor besagten zwei Wochen zu dir gekommen, um dir ein selbstgekochtes Mittagessen vorbei zu bringen – so wie du es magst: Rindfleisch mit Salzkartoffeln, Blaukraut und Soße. Du und ich saßen zusammen in deinem Wohnzimmer und haben auf meinen Papa gewartet, der in deiner Küche das Essen warm gemacht hat. Ich war froh, mich mal wieder alleine mit dir unterhalten zu können – wie in alten Zeiten. Einen Unterschied gab es allerdings – du war ganz und gar nicht mehr so gesprächig, wie du es früher einmal warst. Es war ehrlich gesagt sehr schwierig für mich, damit umzugehen. Ich habe gemerkt, dass es dich angestrengt hat, viel zu reden. Was mich allerdings gefreut hat ist, dass du trotzdem noch genauso zynisch warst, wie sonst auch.

Weißt du, wie sehr mir dieser Charakterzug von dir fehlt?

Beim essen war die Situation noch schwieriger. Etwas unbeholfen und in sehr langsamen Tempo hast du darin rumgestochert und gegessen. Geschmeckt hat es dir, ja. Aber nach 40 Minuten warst du immer noch nicht fertig, mein Papa musste deinen Teller noch einmal in die Mikrowelle stellen, da alles schon kalt geworden war. Als wir dann beide fertig waren, haben wir dir mitgeteilt, dass wir gehen müssen. Ich hatte noch einen wichtigen Termin, zu dem ich nicht zu spät kommen durfte.

Weißt du wie gerne ich noch einmal mit dir zusammen essen würde?

Das „dicke-Bücher-Geld“, das du mir noch gegeben hast, bevor ich gegangen bin, habe ich sicher in einem Umschlag verstaut. Es ist schön, noch etwas von dir zu haben. Du wolltest immer helfen, so gut es ging. Den Witz, den du mir noch erzählt hast, bevor ich aus der Tür raus bin, habe ich sofort weiter erzählt.

Ein kleiner Junge ist mit seinem Papa im Zoo. Sie stehen am Kamelgehege, der Junge schaut die Tiere an und fragt seinen Vater: „Papa? Heiraten Kamele auch?“ Der Vater sieht seinen Sohn an und sagt: „NUR, mein Sohn. Nur Kamele heiraten.“

Weißt du, wie schön es wäre, noch mehr Witze von dir zu hören? 

Beim Rausgehen aus der Wohnung habe ich dich noch einmal angesehen. Du musstest dich wieder hinsetzen, so schwach warst du. Du saßt also seitwärts auf deinem Stuhl in der Küche, hast schwach gelächelt und zum Abschied gewunken. Dass das ein Abschied für immer sein sollte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Weißt du, wie sehr die Erinnerung an diesen Abschied jetzt weh tut?

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Verluste sind nie einfach. Besser gesagt sind sie verdammt schwer. Ich hätte dir gerne noch so viel mehr gesagt, hätte mir so viele Tipps von dir holen können. Das geht jetzt einfach nicht mehr, ganz plötzlich. Das zu akzeptieren ist fast unmöglich für mich. Ich weiß nicht, ob es irgendetwas nach dem Tod gibt, aber ich würde gerne glauben, dass du in irgendeiner Form noch da bist und meine Worte dich erreichen.

Du hast gesagt, du warst froh, dass du meine Familie und mich hattest. Weißt du noch, was ich geantwortet habe? „Wir sind auch froh, dass wir dich haben. Es ist so wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen, auch wenn es einem von uns nicht gut geht.“

Lieber Günti, 

ich vermisse dich. Aber du wirst immer in meinem Herzen bleiben. Ich hoffe, da wo du jetzt bist geht es dir gut. Danke, dass du meine Eltern und mich so bereichert hast. Wir werden das nie vergessen. 

#Grgü.

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4 Kommentare zu „Für dich. #GRGÜ

  1. Liebe Anna,

    ich habe den ganzen Text gelesen. Er ist so berührend geschrieben, er hat Bilder vor mir erstehen lassen, sehr bewegende Bilder. Es ist absolut sicher, dass Du den Günti in Deinem Herzen bewahren wirst, dass er dort weiterlebt, so lange Du da bist.

    Ja, solche Zäsuren sind unsagbar schwer. Mein ganz aufrichtiges Mitgefühl lasse ich Dir von Herzen hier.

    Freundliche und liebe Grüße an Dich!

    Gefällt 1 Person

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