Colours of Life #maximaCOMEPASS

Ist es dir schon aufgefallen? Oder warst du auf dem Weg zur Arbeit, zur Uni oder zur Schule wieder einmal zu sehr im Stress? 

Hast du es schon bemerkt? Oder warst du zu sehr mit deinen Gedanken beschäftigt, als du dich ins Auto, in die Bahn oder in den Bus gesetzt hast?

Kannst du es sehen? Oder sind deine Augen nur auf das Alltägliche fixiert?

Dort drüben, an der Ecke, gleich neben dem Supermarkt, an dem du täglich auf deinem Weg zur Arbeit vorbeiläufst sitzt er. Der ältere Mann mit weißem Haar, ungepflegt aussehend, eingewickelt in seine rot-grün-karierte Wolldecke. Jeden Morgen, wenn du an ihm vorbeigehst, schaut er dich mit seinen tiefbraunen Augen an, doch du beachtest ihn nicht – wieso auch – und gehst einfach weiter. Du bist sowieso schon zu spät dran und fühlst dich in Gegenwart „solcher“ Menschen, wie du sie nennst, nicht gerade wohl. Sie wecken in dir ein unangenehmes Gefühl, das sich in deiner Brust ausbreitet. Für sowas hast du aber keine Zeit, du bist ein Geschäftsmann, also streifst du das Gefühl so schnell wie möglich einfach ab und konzentrierst dich auf etwas anderes.

Auf deinem Weg passierst du wie immer hunderte von Werbeplakaten. Gelangweilt streift dein Blick die bunten Poster, bis er an einem bestimmten hängen bleibt. Es zeigt das Gesicht eines Mädchens, bunt angemalt mit allen möglichen Farben. Ihre braun-grünen Augen starren dich provozierend an. Kurz verlierst du dich darin, bis du den Spruch liest, der unter dem Gesicht steht: „Das Leben hat viele Farben.“ Du hältst inne, denkst kurz über das Gelesene nach. Ein seltsames Gefühl steigt in dir auf, doch du weißt nicht genau was es ist, vielleicht Unbehagen. Als das Gefühl zu intensiv wird, versuchst du es abzuschütteln und setzt deinen Weg fort. „Das Leben hat viele Farben.“ – wie ausgelutscht, denkst du dir.

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Endlich bist du in deinem Büro angekommen. Inmitten von lauter hochwertigen grauen Anzügen findest du es schon deutlich angenehmer – hier herrscht an ganz anderes Klima. Polierte schwarze Schuhe laufen hektisch über den Boden, im Minutentakt fallen die müden Blicke auf die glänzenden silbernen Uhren. Du liebst es hier. Die glitzernde, schimmernde Welt der hohen Gewinne ist genau das, wovon du immer geträumt hast. Es gibt nichts besseres für dich, als den Anblick von frischen bunten Scheinen, schillernden Münzen und schneeweißen Checks.

Nach der Arbeit begibst du dich hungrig in dein Lieblingsrestaurant, das von einer indischen Familie geführt wird. Mahesh, der Geschäftsführer ist schon lange in der Gastronomie tätig. Seine Haut ist dunkler als deine, er trägt einen Bart, der sich langsam aber sicher weiß färbt. Die fast schwarzen Augen strahlen eine unglaubliche Ruhe aus. Du bestellst das Übliche und schaust aus dem Fenster. Draußen fallen die orange-roten Blätter von den Bäumen, ein Sturm baut sich auf. Lustlos schaust du auf das hell leuchtende Display deines Handys und beantwortest schnell einige wichtige Emails, bis schließlich dein Essen ankommt. Die gelbe Soße riecht wie immer köstlich, kupferfarbenes Pulver ziert das saftige Hähnchenfleisch. Hastig isst du auf, doch es ist dir zu viel, also beschließt du, dir den Rest einpacken zu lassen.

Zurück auf der Straße trittst du den Heimweg an. Beschäftigt damit, über die heutigen Aktienkurse nachzudenken, trittst du auf etwas zerbrechliches. Genervt schaust du nach unten und erblickst ein kleines Mädchen. Tränen füllen ihre Augen und beginnen ihre rosafarbenen Wangen hinunterzulaufen. Ihr kleiner Zeigefinger deutet auf deinen rechten Fuß, du hebst diesen an und siehst hellblaue Scherben. „Du hast Fanti kaputtgemacht!“ sagt das Mädchen mit auffällig zitternder Stimme. Du weißt nicht warum, aber eine unglaubliche Wut steigt in dir auf. Für so etwas hast du jetzt, nach einem anstrengenden Arbeitstag nun wirklich keinen Nerv. Du stellt die Platiktüte mit deinem mitgenommenen Essen auf den Boden.Ungeduldig kramst du in deiner dunkelbraunen Ledertasche und suchst nach deinem Geldbeutel. Du drückst dem Mädchen einen abgewetzten Fünf-Euro-Schein in die Hand und murmelst „Kauf dir einfach einen neuen und halte mich nicht auf!“. Unbeholfen blickt das Kind dein Geld an und nach längerem Schweigen gibt sie es dir einfach zurück. Verdutzt stehst du da und verstehst nicht so ganz, was gerade passiert. Die Kleine schaut dich mit ihren großen blauen Augen direkt an und sagt: „Das bringt mir meinen richtigen Fanti auch nicht wieder. Fanti kann man nicht ersetzten.“ Die Tränen kommen zurück, das Mädchen dreht sich um und läuft weg. Du stehst kurz alleine da, doch dann hebst du deine Tüte auf und gehst weiter. „War doch nur ein dummer Porzellanelefant. Davon geht die Welt nicht unter.“

Langsam wirst du wirklich ungehalten. Dieser Tag ist nicht gerade einer der herausragenden Sorte. Du versuchst dich zu beruhigen, denn du bist ja schon fast zu Hause. Du gehst vorbei an einem jungen Paar, das auf einer alten Parkbank sitzt und sich verliebt in die Augen schaut. Du hörst, wie er zu ihr sagt „Du bist meine Welt!“. Du schnaubst in dich hinein und rollst mit den Augen. Die Liebe konntest du noch nie verstehen. Wie kann denn eine Person für jemanden die ganze Welt sein? Das ist überhaupt nicht möglich, das werden die schon noch früh genug merken. Liebe ist zum scheitern verurteilt. Die wirklich wichtigen Dinge spielen sich an deinem Arbeitsplatz ab. Ohne die Börse würde gar nichts laufen. Du hast Einfluss und für so läppische Dinge wie die Liebe hast du definitiv keine Zeit.

Der letzte Abschnitt deines Heimweges breitet sich vor dir aus – die gewohnte breit gepflasterte Straße. Du bist erleichtert, dass du nun wirklich gleich in deinen eigenen vier Wänden angekommen bist. Plötzlich hörst du ein leises, zerbrechliches „Bitte.“, das irgendwo von unten kommt. Du wirst erneut aus deinen Gedanken gerissen und dein Herz fängt an schneller zu schlagen, als du merkst, wer dich da gerade angesprochen hat. Er ist es. Der alte Mann mit seiner rot-grün-karierten Wolldecke. Ein übler Geruch steigt dir in die Nase – kein Wunder, so ungepflegt wie der ist. Angewidert schaust du den Alten an und willst dich gerade wieder auf den Weg machen, da sagt er schon wieder

Bitte!„.

Was zum Teufel wollen Sie?!„, fragst du barsch.

Ich möchte Ihnen eine Frage stellen.“

Für sowas habe ich keine Zeit, ich habe Wichtigeres zu...“

Haben Sie heute schon gelächelt?

Ob ich was?!

Wissen Sie, ein Lächeln kann die Welt verändern.

Was reden Sie da für wirres Zeug? Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe mit Ihrem Gefasel.

Ich habe Sie vorher gesehen, mit dem kleinen Mädchen. Ich habe gesehen, wie Sie ihren kleinen Elefanten zertreten haben. Ich kenne sie, sie besucht mich hier oft. Sie haben ihre Welt zerstört.

Wissen Sie was, ich bin erfolgreicher Broker und befasse mich täglich mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens. Ich habe weder Zeit noch Lust mich mit dem schäbigen Elefanten eines kleinen fremden Mädchens zu beschäftigen.

Das Leben hat viele Farben. Ihres kommt mir so grau vor. Macht Sie das nicht traurig? Sie sind völlig abgestumpft. Sie verstehen gar nicht, dass die Welt für andere Menschen ganz anders aussieht, dass für andere Menschen andere Dinge eine große Bedeutung haben. Ich finde das traurig. Sehen Sie, ich habe meine Decke. Diese Decke ist das Letzte, was ich von meiner Frau habe. Früher, vor ihrem Tod, als wir noch eine Bleibe hatten, saßen wir immer zusammen auf der Couch und haben uns unterhalten, eingewickelt in diese Decke. Die Decke bedeutet für mich die Welt und ich würde sie niemals verkaufen. Niemals, da könnte die Summe noch so hoch sein. Mein Leben mag Ihnen – als feiner Herr – grausam und abstoßend vorkommen, aber ich brauche nicht mehr. Ich bin glücklich. Können Sie das von sich behaupten?

Natürlich bin ich glücklich, Sie Spinner!„, antwortest du genervt, schenkst dem Alten einen feindseligen Blick und gehst, doch er sieht dir hinterher, mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Du kommst endlich in deinem Treppenhaus an. Du öffnest den Briefkasten und gehst die Post durch. Plötzlich fällt ein Flyer auf den Boden. Du hebst ihn auf, drehst ihn um, um zu überprüfen, ob es irgendetwas wichtiges ist. Du erstarrst. Das Mädchen vom Werbeplakat. Diesmal zeigt sie die Vorderseite des Flyers jedoch mit verschlossenen Augen. Wieder liest du den Satz „Das Leben hat viele Farben.“ Du öffnest den Flyer und weitere Bilder kommen zum Vorschein. Eines zeigt ihre Lippen, angemalt mit blauer Farbe, sie sind ganz trocken. Das auf der Folgenden Seite zeigt ihr Gesicht von der Seite, die Augen schauen in die Ferne und sind nicht auf den Betrachter gerichtet. Schließlich kommst du auf der Rückseite an. Du erschrickst fast ein wenig, so intensiv ist dieses letzte Bild. Die Augen starren dich wieder direkt an. Der Blick durchbohrt dich regelrecht. Du bist wie hypnotisiert. Nach einigen Sekunden löst du den Blick von den Augen und liest den Satz, der unter dem Bild steht. „Augen auf. Sonst kannst du sie nicht sehen.

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2 Kommentare zu „Colours of Life #maximaCOMEPASS

  1. Ein wunderbarer Text, sehr schön geschrieben.

    Habe Deinen Blog hier soeben gefunden als ich im Reader das Stichwort „nachdenken“ eingegeben habe.

    Ein bisschen habe ich schon gelesen, und ich kann und muss sagen: Dein Blog ist schön. Thematisch vielfältig, immer mit einer kleinen Botschaft oder Anregung und doch auch immer ein bisschen von Dir erzählend. Nicht beliebig.

    Ich bin neugierig geworden und werde wohl wiederkommen.

    Aber nicht etwa deswegen, sondern ganz grundsätzlich, möchte ich Dich ermutigen weiter zu schreiben, diesen Blog leben und sich entwicklen zu lassen. Ich las, dass Du schon einmal einen entsprechenden Versuch unternommen hast. – Ich wünsche Dir, dass dieser Versuch hier ein lang dauernder sein wird.

    Dankeschön für das, was ich bisher hier lesen durfte.

    Dir liebe und freundliche Grüße und ein hoffentlich nicht gar zu schwieriges Leben mit Deiner Krankheit. (Ich kannte einmal eine Frau aus Bosnien, die hatte das auch, und es war alles andere als einfach für sie …).

    ich sag mal:

    Bis zum Wiederlesen!

    Gefällt 1 Person

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